Prof. Gerald Hüther,
Neurobiologe und Lernforscher


Prof. Gerald Hüther

Ein besonderer Beitrag für ARTnews von: Prof. Gerald Hüther - Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung

 

Die Akademie ist als gemeinnützige Genossenschaft konzipiert. Sie besteht aus einer zentralen Koordinationsstelle in Göttingen und wird schrittweise durch den Aufbau regionaler Koordinationsstellen in Österreich und in der Schweiz erweitert.

„Wir brauchen Gemeinschaften, deren
Mitglieder einander einladen, ermutigen und
inspirieren, über sich hinauszuwachsen.“

Gerald Hüther

Etwas mehr Hirn bitte!
Kunst, Kreativität und Potentialentfaltung aus neurobiologischer Sicht

Gerald Hüther, Neurobiologe und Lernforscher

 

 

Kreative Menschen wissen oft gar nicht genau, woher sie ihre Inspirationen nehmen und wie sie zu ihren genialen Einfällen kommen. Manchmal scheint es so, als seien ihre Ideen oder ihre Leistungen „gänzlich aus dem Bauch“ gekommen, oder vom „tiefsten Grund des Herzens“ geschöpft. Am schöpferischsten sind wir sonderbarer Weise unter Bedingungen, die nach langläufiger Meinung nicht geeignet sind, hirntechnische Hochleistungen zu erbringen: träumend oder noch halb schlafend. Kreativität, so scheint es, ist also eine Leistung, die nicht dadurch erreicht werden kann, dass man sein Denkorgan besonders anstrengt, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Vielmehr kommen uns die wirklich kreativen Einfälle wohl eher ausgerechnet dann, wenn es uns gelingt, unser Gehirn ohne Druck und ohne gezielte Anstrengung zu benutzen. In gewisser Weise geht es uns dabei offenbar ähnlich wie den besten Sängern unter den Singvögeln, deren Gesangsleistungen Konrad Lorenz so treffend beschrieben hat: „Wir wissen wohl, dass dem Vogelgesang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Nebenbuhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reichste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gerade nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Erregung „dichtend“ vor sich hinsingen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel einen Gegner ansingt, oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singende Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in jener Stimmungslage seine künstlerische Höchstleitung erreicht, wie der Mensch, dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert“ (Konrad Lorenz: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung, Zeitschrift f. Tierpsychologie Bd. 5, S 16 – 409, 1942).

 

Wenn wir uns nun selbst fragen, wann es uns im Lauf unseres Lebens am besten gelungen ist „in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt“, in rein spielerischer Weise unser Gehirn zu benutzen, so wird dieser Zustand höchster Kreativität für die meisten Menschen dort erinnerbar sein, wo wir ihn in unserer, vom Effizienzdenken geprägten Vorstellungswelt am wenigsten vermutet hätten: In der frühen Kindheit.

 

Nur sehr wenigen Kindern gelingt es, diese spielerisch-kreative Grundhaltung auch später im Leben weiterhin beizubehalten, wenn zunehmend mehr von Außen auf sie einstürmt und von ihnen verlangt wird. Und je weniger gut eine Gesellschaft in der Lage ist, ihren Kindern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu bieten, desto bereitwilliger werden von diesen Kindern all jene Strategien übernommen, die ihnen von den erwachsenen Mitgliedern der Gesellschaft als scheinbar besonders geeignete Möglichkeiten zur Angstbewältigung angeboten werden: Das Streben nach Macht und Einfluß, nach Reichtum und Status, der Einsatz von Gewalt und Unterdrückung, das Bemühen um Ablenkung und Aufregung, die Einnahme von Drogen und Beruhigungspillen. Wenn in einer Gesellschaft immer mehr Menschen heranwachsen, deren Denken, Fühlen und Handeln von dem Bemühen geleitet wird, sich mit Hilfe derartig einfacher und kurzfristig wirksamer Strategien vor Störungen ihres inneren Gleichgewichtes zu schützen, geraten andere, komplexere Strategien der Angstbewältigung zunehmend in Vergessenheit. An Stelle der komplizierten gemeinsamen Suche nach für alle tragfähigen Lösungen tritt das einfache Streben nach individueller Bedürfnisbefriedigung in den Vordergrund. Subtile Haltungen, wie Achtsamkeit und Behutsamkeit, die nur durch die Aktivierung hochkomplexer neuronaler Verschaltungsmuster entstehen können, werden dann durch kurzfristige Zielorientierungen und entsprechende Rücksichtslosigkeit ersetzt. Das Gehirn solcher Menschen wird auf diese Weise – nutzungsbedingt – auch entsprechend einfacher strukturiert. Die Fähigkeit, komplexe Wahrnehmungen miteinander zu verbinden und zu subtilen inneren Bildern der äußeren Welt zusammenzufügen, geht solchen Menschen ebenso verloren, wie die Fähigkeit solche Bilder in der Gestalt von Kunstwerken zu erkennen oder gar selbst hervorzubringen.

 

Glücklicherweise ist das menschliche Gehirn zeitlebens lernfähig. Es ähnelt nicht einem fertigen Haus, sondern einer ständigen Baustelle. Ausgehend von diesem Bild läßt sich nun auch recht gut beschreiben, unter welchen Voraussetzungen Menschen in der Lage wären, ihr Gehirn auf eine andere Weise zu benutzen, wie es ihnen also gelingen kann, ihre bisherigen, eingefahrenen und im Gehirn gebahnten Haltungen, Denkweisen und Überzeugungen zu verändern und nach neuen, kreativen Lösungen zur Gestaltung ihrer Lebenswelt und ihrer Beziehungen zu suchen:

  1. Traditionell gewachsene, d. h. transgenerational überlieferte Denkstrukturen und Vorstellungen haben sich nicht ohne Grund so herausgeformt, wie sie nun einmal in einer bestimmten Kulturgemeinschaft geworden sind. Sie hatten ursprünglich immer eine bestimmte, das Leben sichernde und den Zusammenhalt der Gemeinschaft festigende Funktion. Es ist daher wichtig, nach den Gründen für die Entstehung bestimmter Denkmuster im eigenen Kopf wie auch in den Köpfen aller anderen Mitglieder der betreffenden Kulturgemeinschaft, also der Familie, der Sippe, der Kommune, der Region, des Landes etc. zu suchen, in die man hineingeboren und in der man aufgewachsen ist. Wer sich auf dieses nicht ganz leichte, weil sehr angstbesetzte Unterfangen einlässt, wird feststellen, daß manche dieser Gründe durchaus realistisch und noch immer vorhanden sind, während andere Ursachen auf längst vergangende Ereignisse und Erfahrungen der betreffenden Gemeinschaft zurückgehen, also ihre damalige Bedeutung längst verloren haben und nur noch historisch zu verstehen sind. Oft sind diese alten Denkmuster aber für die Bewältigung neuer Herausforderungen nicht nur recht nutzlos, sondern enorm hinderlich. Wer das zu durchschauen und zu unterscheiden lernt, befindet sich auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Er kann das vollziehen, was die entscheidende Voraussetzung für die Wiedererweckung von Kreativität, Entdeckerlust und Neugier ist: das Loslassen von übernommenen Vorstellungen, die das eigene Denken behindern.

  2. Wer Altes loslassen und Neues Denken will, braucht Mut. So unzweckmäßig auch das Festhalten an alten, gebahnten Denkmustern sein mag, so leisten sie doch etwas sehr Bedeutsames: Sie sind vertraut und bieten – vor allem dann, wenn viele andere Menschen auch so denken und mit den selben Einstellungen und Überzeugungen herumlaufen – Sicherheit. Sich davon zu lösen macht Angst. Deshalb müssen Menschen, die neues Denken wollen, diese Angst überwinden. Das einzige Gegenmittel gegen Verunsicherung und Angst – auch das können die Hirnforscher inzwischen mit Hilfe ihrer bildgebenden Verfahren objektiv und empirisch nachweisen – ist Vertrauen. Wer kreativ sein will, braucht also Vertrauen in sich selbst, in seine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, in die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen.

  3. Selbstvertrauen ist zwar eine notwendige, jedoch noch keine hinreichende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und Wiederentdeckung von Entdeckerfreude und Gestaltungslust und damit für das Auffinden kreativer und innovativer Lösungen. Allzuleicht verschmort die individuelle Entdecker- und Gestaltungslust im eigenen Saft. Sie orientiert sich dann in erster Linie an den eigenen Interessen und rekrutiert sich primär an den eigenen Ressourcen, den eigenen Kenntnissen, den eigenen Erfahrungen, den eigenen Fähigkeiten. Wirklich kreativ werden Menschen erst dann, wenn es ihnen gelingt, ihre in ihren jeweiligen Lebenswelten individuell erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen anderer Menschen zu verschmelzen. Dazu freilich bedarf es der Begegnung und des vertrauensvollen Austausches von Menschen mit möglichst verschiedenen soziokulturellen Erfahrungen. Damit derartige Begegnungen und ein solcher wechselseitiger Austausch zwischen sehr unterschiedlichen Menschen stattfinden kann, müßte das Band gestärkt werden, das Menschen über ihre unterschiedlichen Herkünfte, ihre unterschiedlichen Ausbildungen und ihre individuellen kulturspezifischen Eigenarten hinweg verbindet. Dazu müßten wir genau das überwinden, was uns als Kleingruppen bisher so fatal zusammengehalten und unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt hat: Die Angst vor allem Fremden. Deshalb ist die entscheidende Voraussetzung für die Entfaltung unseres kreativen Potentials die Überwindung der individuellen Angst durch die Stärkung von wechselseitigem Vertrauen.

 

Diese Beschreibung der neurobiologischen Voraussetzungen für die Entfaltung von Kreativität und Neugier macht deutlich, dass die detaillierte Kenntnis der dabei im menschlichen Gehirn ablaufenden Prozesse vielleicht interessant sein mag, aber kaum dazu beiträgt, Menschen in Zukunft neugieriger und kreativer werden zu lassen. Dazu bedarf es eben nicht nur des Wissens um diese biologisch angelegten Potenzialität, sondern auch entsprechender Rahmenbedingungen für deren Entfaltung. Und die sind nicht hirntechnischer, sondern beziehungstechnischer Natur.

Bessere Rahmenbedingungen können deshalb auch nicht durch eine Veränderung des Gehirns geschaffen werden, sondern nur durch eine Veränderung unseres Umgangs miteinander. Wir müssten die Art und Weise, wie wir miteinander in Beziehung treten günstiger gestalten, wie wir miteinander reden, wie wir über andere urteilen, wie wir andere beschreiben und bewerten.

 

Statt wie bisher gegeneinander zu agieren und andere Lebewesen und sogar uns selbst als Objekte zu behandeln, werden wir lernen müssen, einander als Subjekte zu begegnen. Wir müssten versuchen, einander einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, diese entscheidende Transformation unseres Zusammenlebens umzusetzen.

Nur dadurch werden wir lernen können, wie sehr wir alle miteinander und mit allen anderen Lebewesen verbunden sind. Und nur dann, wenn jemand sich mit anderen verbunden weiß und sich mit ihnen verbunden fühlt, ist er bereit, Bedingungen zu schaffen, die es allen Menschen ermöglichen, die in ihnen angelegten Potentiale zur Entfaltung zu bringen. Wenn das geschähe, wird jeder Mensch ein Künstler.

 

 

P.S.: Genau das ist das Anliegen der Akademie für Potentialentfaltung (www.akademiefuerpotentialentfaltung.org)

Mehr über die Akademie:

 

 

Claudia Linz
Münchner Webwoche

Als offizieller Partner der Münchner Webwoche 2016 biete ich einen Spezial Schnupper ART-Coaching Workshop mit dem Thema „Die Balance der analogen und digitalen Welt“ auf Anfrage an.

 

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